Unsere Organisten (1): Heinz Detlau-Keire

Seit sechs Jahrzehnten mit Leidenschaft an der Orgel

Mit dieser Ausgabe beginnen wir im Sprachrohr eine kleine Interviewreihe, in der wir die Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker unserer Bethlehemgemeinde vorstellen möchten. Den Auftakt macht Heinz Detlau-Keire. Seit vielen Jahren begleitet er die Gottesdienste nicht nur in der Bethlehemgemeinde, sondern war über Jahrzehnte auch in der Gustav-Adolf-Gemeinde als Organist tätig. Im Gespräch mit Dr. Martin van der Ven erzählt er, wie er zur Orgel kam, welche Musik ihn besonders bewegt und warum für ihn die Kirchenmusik weit mehr ist als nur die musikalische Umrahmung eines Gottesdienstes.

Schon früh fand Heinz Detlau-Keire den Weg zur Orgel – eher zufällig als geplant. Nach seiner Konfirmation in Wettbergen bei Hannover wurde für den nächsten Konfirmationsjahrgang dringend ein Organist gesucht. Der bisherige Organist konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr spielen. Da Heinz Detlau-Keire sich das Klavierspiel bereits selbst beigebracht hatte, wagte er sich an die Orgel. Zunächst spielte er mit der rechten Hand die Melodie, während die linke Hand durch das Pedal ersetzt wurde. „Das funktionierte erstaunlich gut“, erinnert er sich schmunzelnd.

Schon bald verbrachte er viele Stunden in der Stadtbibliothek Hannover, wo er sich Choralbücher und Orgelmusik auslieh und sich das Orgelspiel weitgehend selbst erarbeitete. Aus einigen geübten Chorälen wurde schließlich der erste vollständig begleitete Gottesdienst – ausgerechnet die Konfirmation des folgenden Jahrgangs.

Neben der Orgel spielte Heinz Detlau-Keire damals auch im Posaunenchor mit. Zunächst war er Trompeter, wechselte später jedoch zur Tuba und übernahm schließlich sogar die Leitung des Chores.

Ein besonderer Meilenstein war der Gewinn eines Musikwettbewerbs an der Humboldtschule in Hannover. Der Preis bestand aus einem zweijährigen Stipendium für Orgelunterricht bei Manfred Brandstetter an der Marktkirche Hannover. „Das war Unterricht auf höchstem Niveau“, blickt er dankbar zurück.

Lieblingslieder und spontane Improvisationen

Nach seinen Lieblingsliedern gefragt, muss Heinz Detlau-Keire nicht lange überlegen. Besonders gern spielt er „Der schöne Ostertag“, aber auch „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ sowie „Jesus ist kommen“. Große Freude bereiten ihm außerdem Lieder mit farbigen Melodieverzierungen sowie die neueren Stücke aus dem Ergänzungsheft „Freitöne“. Gemeinsam mit Nicole Strecker führte er sowohl in der Gustav-Adolf-Gemeinde als auch später in der Bethlehemgemeinde immer wieder unbekannte Lieder in den Gottesdiensten ein.

Bemerkenswert ist seine Art zu musizieren: Nach inzwischen rund 60 Jahren Orgelspiel bereitet er sich auf Gottesdienste kaum noch im klassischen Sinn vor. Seine Vor- und Nachspiele entstehen fast immer spontan. „Alle Ideen kommen mir im Augenblick des Spiels“, sagt er. Nicht selten verändert er seine Improvisation sogar noch unmittelbar vor Beginn des Gottesdienstes oder greift spontan Gedanken aus der Predigt auf. So passte er erst kürzlich sein Nachspiel an das Thema „Gottes Licht“ an, nachdem er die Predigt gehört hatte.

Mehr als fünfzig Orgeln kennengelernt

Im Laufe seines musikalischen Lebens hat Heinz Detlau-Keire an insgesamt 56 verschiedenen Orgeln gespielt – überwiegend in Kirchen, aber auch auf Friedhöfen und an anderen Orten. Nach seiner Erinnerung waren es wohl „etwa 2400 kirchliche Veranstaltungen für den lieben Gott“. Jede Orgel habe ihren eigenen Charakter, erzählt er, und jede stelle den Organisten vor neue Herausforderungen.

Wenn einmal etwas schiefgeht …

Natürlich gab es in sechs Jahrzehnten auch kleine Pannen. Besonders lebhaft erinnert sich Heinz Detlau-Keire an einen Gottesdienst mit Posaunenchor, bei dem nach dem Einsatz des Bläserchores die Orgel einsetzen sollte. Doch es blieb still. Der Grund war ebenso simpel wie peinlich: „Ich hatte vergessen, die Orgel einzuschalten.“

Eine andere Begebenheit entwickelte sich sogar zu seinem persönlichen Markenzeichen. Während eines Vorspiels verlor er völlig den Faden und beendete die Improvisation kurzerhand mit einem kräftigen Glissando – einer schnellen Gleitbewegung über die Tasten. Statt irritierter Gesichter erhielt er überraschend großen Beifall. Seitdem setzt er dieses Stilmittel immer wieder bewusst ein.

Weniger glücklich verlief ein Gottesdienst in der Karwoche. Während des Chorals „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen“ beschlug ihm durch die Wärme plötzlich die Brille. Fast blind musste er weiterspielen und schließlich abbrechen – eine Situation, die ihm bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Eine singfreudige Gemeinde

Ein großes Kompliment macht Heinz Detlau-Keire unserer Bethlehemgemeinde: „Die Gemeinde singt hervorragend.“ Im Vergleich zu vielen anderen Gemeinden erlebe er hier eine außergewöhnlich gesangsstarke Gottesdienstgemeinde. Das motiviere ihn, die Choräle lebendig und mit Schwung zu begleiten.

Kirchenmusik als Verkündigung

Für Heinz Detlau-Keire besitzt Kirchenmusik eine weit größere Bedeutung als die bloße Begleitung des Gemeindegesangs. Sie vertiefe das verkündigte Wort und schaffe Raum für Besinnung. Nach einer Predigt oder einer Lesung könne Musik helfen, das Gehörte innerlich nachklingen zu lassen. „Es entsteht ein ruhiger Moment, in dem Gedanken und Bilder wachsen können“, beschreibt er. Gute Kirchenmusik bereichere deshalb jeden Gottesdienst.

Was eine gute Orgel ausmacht

Nicht allein die Größe oder die Anzahl der Register entscheidet für ihn über die Qualität einer Orgel. Viel wichtiger seien Pflege, regelmäßige Wartung und eine gute Stimmung des Instruments. Ebenso wichtig sei der Platz des Organisten. Er schätzt es besonders, wenn Blickkontakt zur Gemeinde möglich ist. Deshalb gefällt ihm auch die Winterkirche, in der er am Klavier näher bei den Gottesdienstbesuchern sitzt. „Ich sehe die Gesichter, das Mienenspiel des Pastors, die Reaktionen und die freundlichen Blicke – das ist etwas Besonderes.“

Offen für Neues

Obwohl Heinz Detlau-Keire offiziell bereits vor einigen Jahren seine regelmäßige Tätigkeit als Organist der Gustav-Adolf-Gemeinde beendet hat, denkt er noch nicht ans Aufhören, möchte die Aufgaben aber „ausdünnen“. Künftig will er bewusst noch mehr unterschiedliche Orgeln „einfach nur mal hören“ und den Austausch mit anderen Organistinnen und Organisten pflegen. Jede Orgel klinge anders, jeder Organist spiele anders – und gerade darin liege für ihn der besondere Reiz der Kirchenmusik.

Mit seiner Begeisterung, seiner jahrzehntelangen Erfahrung und seiner Freude an der Improvisation bereichert Heinz Detlau-Keire bis heute die Gottesdienste unserer Bethlehemgemeinde. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.

In der nächsten Ausgabe des Sprachrohrs stellen wir einen weiteren Organisten unserer Gemeinde vor.