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Weihnachtsgeschichte „Das Geschenk“

„Was schenkst du denn Mutti zu Weihnachten?“ Neugierig fragen die Geschwister den sechsjährigen Thomas. „Sag ich nicht!“ „Weißt du denn überhaupt was?“ Sie bohren und lassen nicht locker. Er schweigt beharrlich. Doch während die beiden Großen im Kinderzimmer sehr beschäftigt sind, hüpft und singt Thomas durchs Haus und benimmt sich durchaus so, als habe er auch nur das geringste zu tun für Weihnachten. Aber die Adventszeit hat gerade erst angefangen – es dauert noch Wochen bis zum großen Fest… „Ich hab schon soooo viel“, frohlockt das Kind. „Meins kannst du nicht erraten, Mutti, überhaupt nicht, nie!“

Die Tage vergehen, bringen viel Arbeit und Freude, Vorbereitungen, manchmal Besinnung, Liedersingen – Ungeduld dazwischen. Thomas ist längst nicht mehr so fröhlich, er hopst nicht mehr vor Vergnügen, scheint traurig, gedrückt. Ich möchte ihn erlösen von dem Lastenden, dem großen Geheimnis, an dem er keinen teilhaben lassen will. „Erzähl es doch den Geschwistern.“ „ Geht nicht!“

„Oder sag es dem Baby, das kann ja noch nichts verraten!“ Nein, das Geheimnis bleibt ganz allein sein Geheimnis, ist nicht teilbar, wird, je mehr Zeit vergeht, umso drückender. Es ist ein Jammer, das mit anzusehen. Da plagt sich ein sonst fröhliches Kind mit der Last seines Geschenkes für die Mutter und kann keinem davon sagen, es muss das ganz allein mit sich ausmachen. Mit einiger Sorge frage ich mich nun doch, was das sein kann. Nur frohe Erwartung ist um mich herum, und mir werden Geheimnisse zugeflüstert, die ich ganz schnell wieder „vergessen“ muss…. Man kann doch einfach nicht all das Schöne für sich behalten. Der Junge trägt schwer an dem Unbekannten, sucht meine Nähe und meidet doch gleichzeitig alle Zärtlichkeit, die er sonst aus vollem Herzen austeilt. Er weint scheinbar grundlos, lässt sich kaum trösten. Es fällt mir immer schwerer, ihm Zeit zu lassen, bis er sich den Kummer von der Seele nehmen lassen kann. Über allem geht die Adventszeit vorüber – sein Jammer bleibt.

Doch endlich das Fest – Jubel und Freude! Thomas hat eine kleine Schreibtafel für mich. „Jetzt staunst du aber.“ Da steht es, immer wieder – in seiner noch unsicheren Erstklässlerschrift – mal ganz groß, mal klitzeklein, mal rot, mal blau – in allen Farben seines Buntstiftekastens:
ICH HAB DICH LIEP.

Ich kann kaum die Tränen zurückhalten. „Damit habe ich am ersten Advent angefangen…
Ich hab von da an nie mehr zu dir gesagt: Ich hab dich lieb, aber ich hab es immer aufgeschrieben, damit du mal ganz viel davon hast – auch, wenn ich mal nicht da bin. Ich hab das alles aufgespart…!“

Und er hat gelitten, weil er seine Liebe nicht mehr laut äußern konnte, wie er sonst x-mal am Tag tut, war fast krank darüber geworden, hatte gespart, um einmal im Überfluss beschenken zu können.